1985 Festschrift, Die Vereinsgeschichte (die ersten 25 Jahre)

100 Jahre Philatelisten-Verein Bern 1885-1985 (Festschrift, Original: Seite 9-17)


Die Vereinsgeschichte

Peter Pfander, Schüpfen

Die ersten 25 Jahre

Verlorene Akten

Um es vorweg zu nehmen! Die Protokolle der ersten zwei Jahrzehnte der hundertjährigen Vereinsgeschichte sind verloren gegangen. Alle Nachforschungen nach diesen ersten Zeugen der privaten bernischen Philatelie sind ergebnislos verlaufen. Vermutlich sind diese Protokolle, zusammen mit anderen Ak­ten, aus Versehen nach Zürich gesandt und dort vernichtet worden.

So blieb dem Verfasser nichts anderes übrig, als in alten Jahrgängen der Schweizer Illustrierten Briefmarken-Zeitung, Organ für die Gesamtinteressen der Philatelie, und anderen Quellen nachzuforschen, um etwas Licht in das Dunkel zu bringen, das unsere Vereinsgründung umgibt. Erst ab Januar 1905 stehen uns die Protokolle der Vereinssitzungen zur Verfügung. Alles, was weiter zurückliegt, musste recht mühsam aus Aufzeichnungen Dritter zusammengetragen werden. Als ausserordentlicher Glücksfall erwies sich dabei ein Bericht, den der damalige Tauschobmann, M. Küpfer, über «die Tätigkeit und die Begebenheiten während der verflossenen 25 Jahre» am 19. Februar 1911 erstattet und in ein Protokollbuch eingeklebt hat. Der Bericht stützt sich, wie einleitend festgestellt wird, auf rund 500 Protokolle, eben zum grössten Teil auf jene, die heute nicht mehr auffindbar sind. Unsere Jahrhundertschrift folgt für die Anfänge des Vereins auf weiten Strecken dem erwähnten Bericht aus dem Jahre 1911 und für die späteren Jahrzehnte den chronologisch wohl geordneten, rund 2000 Seiten umfassenden Protokollen der Jahre 1905 bis 1985.

Gründung und Gründer

Geburtstag des Philatelisten-Vereins Bern ist der 9. April 1885. Nach den Aufzeichnungen unseres Gewährsmannes M. Küpfer finden sich an diesem Tage fünf Briefmarkensammler abends 8 Uhr bei Herrn Robert Deyhle, Herrengasse 17, zu einer konstituierenden Versammlung zusammen. Aus dem Gründungsprotokoll ist uns folgender Satz überliefert worden: «Dank den unausgesetz­ten eifrigen Bemühungen der beiden Philatelisten Armand Stoll, Junkerngasse 17, und Robert Deyhle (beides Mitglieder des Schweizerischen Philatelisten-Vereins Zürich) fanden sich heute den 9. April 1885 fünf Briefmarkensammler zusammen, um in Bern einen Philatelisten-Verein zu gründen.» Die zwei genannten Herren sind somit als eigentliche Initianten der Vereinsgründung anzusehen. Neben ihnen beteiligten sich an der Gründung die Herren Rudolf König-Beer, Bankangestellter, Gustav Gerhardt, Graveur und R. Brandt, ebenfalls Bankangestellter. Ein weiterer Interessent, Herr R. Hadorn, Spitalgasse 9, ist zu der Sitzung nicht erschienen, hatte sich aber schon im voraus mit den allfälligen Beschlüssen einverstanden erklärt.

Die treibende Kraft ist zweifellos Herr Robert Deyhle, der in Bern einen Briefmarkenhandel betrieb und gleichzeitig durch seinen Verlag, R. Deyhle + Cie, die Schweizer Illustrierte Briefmarken-Zeitung herausgab und selbst redigierte. Diese 1887 eingegangene Zeitung enthielt neben philatelistischen Fachberichten, Geschäftsanzeigen und Vereinsnachrichten auch recht viel philatelistische Poesie. Als rührendes Beispiel sei ein «Philatelistischer Liebesseufzer» zitiert:

Du würdest wohl mein Leid verstehn,
Könnt mich Dein Blick erreichen!
Könnt'st Du ins nasse Aug mir sehn,
Fänd'st Du ein - Wasserzeichen.

Der Redaktor zeichnet sich jedenfalls durch ausgesprochenen Ideenreichtum und gelegentliche Abstecher ins Reich der Fantasie aus. Der Leser wird sich dieser Feststellungen im weiteren Verlaufe unseres Berichtes erinnern und sie bestätigt finden.

Der Verein sucht seine Identität

Mit der Vereinsgründung wird beschlossen, sich als Philatelisten-Verein Bern zu konstituieren und sich als Sektion Bern dem Schweizerischen Philatelisten­Verein Zürich anzuschliessen. Sammlervereine gibt es zu jener Zeit noch nicht viele. Ausser dem erwähnten Verein in Zürich existiert in der Schweiz erst ein Philatelisten-Verein in Basel, gegründet im Jahre 1882. Im selben Jahr wie die Berner Gründung entstehen in der Schweiz weitere Sektionen in Winterthur und in St. Gallen. Es sollen aber rege Verbindungen zu ausländischen, namentlich deutschen und österreichischen Vereinen (Berlin, Dresden, Wien), bestanden haben.

Zu einer zweiten Sitzung des jungen Vereins fanden sich die Mitglieder bei Herrn Rudolf König-Beer zusammen. Es scheint eine recht feucht-fröhliche Zeit gewesen zu sein, und das Protokoll hält in burschikoser Art fest: alleamüsierten sich ganz famos, umsomehr als es unser freundlicher Wirt an kräftiger, schäumender «Bschütti» nicht fehlen liess. Überhaupt scheint es bei den Philatelisten damals recht fidel zugegangen zu sein. Über die Gründungsfeier vom 13. Juni 1885 - vermutlich eine Feier nach der Aufnahme der Sektion in den Schweizerischen Philatelisten-Verein - wird aus Bern berichtet: Kurz vor Mitternacht war Schluss, ein gewisses dreiblätteriges Kleeblatt aber kam erst beim beginnenden Tag zur Ruhe, eingedenk der Tatsache, dass wahre Briefmarkensammler eine philatelistische Feier nie «heute» beenden.

In weiteren Sitzungen macht dem neuen Berner Verein eine Statutenänderung zu schaffen, die zur Anpassung an die Statuten des Schweizerischen Philatelisten-Vereins erforderlich ist. Als neue Mitglieder werden aufgenommen der schon erwähnte Herr R. Hadorn und Herr Henri Lips, Bankkassier. Von nun an finden die regelmässigen Zusammenkünfte des Vereins nicht mehr in den Wohnungen der Mitglieder, sondern immer in Wirtshäusern statt, zuerst in der Bayrischen Bierhalle an der Kramgasse, dann im Restaurant Kirchenfeld und später im Cafe Gambrinus, wo den Philatelisten ein Zimmer zugewiesen wird, das allen wegen seiner isolierten Lage gefällt.

Aus der Schweizer Illustrierten Briefmarken-Zeitung lässt sich entnehmen, dass Bern im Gründungsjahr der Sektion offenbar ein recht schlechter Boden für die Philatelie gewesen sein muss. Es wird z B. berichtet: Die Sektion Bern ist zwar noch schwach, denn fast in keiner Stadt sind die philatelistischen Verhältnisse so ungünstig wie in Bern... , oder in anderem Zusammenhang: ... trotzdem es in der Bundesstadt punkto Sammlerzahl gegenüber anderen Schweizerstädten traurig aussieht. Ganz anders liegen die Dinge aber 1885 bei der Post. Das Postwesen befindet sich in voller Entwicklung. Die PTT zählen schon 811 Postbüros, 2145 Postablagen, 18 Agenturen im Ausland und beschäftigen 1758 Postbeamte und 4251 weitere Bedienstete (Ablagehalter, Briefträger, Kondukteure). Davon sind 685 Frauen. Auch im Postverkehr werden im Gründungsjahr unseres Vereins schon sehr beeindruckende Zahlen erreicht: 75 Millionen In- und Auslandbriefe, 11 Millionen Postkarten, 16 Millionen Drucksachen, 1 Million Warenmuster, 1,5 Millionen eingeschriebene Briefpostsendungen, 2,5 Millionen Geldanweisungen, 3 Millionen Nachnahmen und 0,2 Millionen Einzugsmandate. Zweifellos für die damaligen Beförderungsmöglichkeiten eine grosse Leistung der Postverwaltung - und auch ein grosses Betätigungsfeld für unsere Sammlerfreunde.

Vielfältig sind die Aufgaben des jungen Vereins. Schon im Gründungsjahr muss sich der Verein mit einem recht peinlichen Geschäft befassen: Ein Mitglied hatte trotz besserem Wissen gefälschte Briefmarken verkauft. Der Vorfall muss zu ernsthaften und lautstarken Auseinandersetzungen geführt haben, wobei dem Verein die isolierte Lage des Sitzungszimmers sehr zustatten gekommen sein soll. Dem fehlbaren Mitglied habe der Verein gehörig auf die Finger geklopft, worauf der entstandene Schaden gedeckt und die gefälschte Ware zurückgenommen wurde. Damit hat der Verein auch den ersten Beweis seiner Existenzberechtigung erbracht.

Aus dem bedauerlichen Vorfall - er bleibt nicht der einzige in der langen Vereinsgeschichte - müssen wir leider erkennen, dass schon vor hundert Jahren gefälscht wurde und Falsifikate an gutgläubige Sammler verkauft worden sind. Der Hinweis, dass eine Sammlung aus Urgrossvaters Album stamme, ist daher leider noch lange kein Echtheitsbeweis! Ohne Prüfung durch einen erfahrenen Prüfer dürfen alte, teure Briefmarken nicht erworben werden. In der philatelistischen Literatur wird nachgewiesen, dass schon damals alle Kantonalmarken und alle Rayons gefälscht wurden und unerkannt in den Handel gelangten. Die Schweizer Illustrierte Briefmarken-Zeitung berichtet am 22. Januar 1885: Gegen die leidigen Fälschungen, die Pestbeule der Briefmarkenkunde, wurde schon viel und oft geschrieben, fortwährend zieht man dagegen in der Presse wie in den Vereinen zu Felde und trotzdem wird dieses Krebsübel niemals ausgerottet werden. Wie recht hatte doch der Verfasser dieses Warnrufes und wie mancher gutgläubige Sammler ist seither von Fälschern und Verfälschern hereingelegt worden!

Das erste Vereinsjahr beschliesst der Verein, inzwischen schon auf 13 Mitglieder angewachsen, mit einer gediegenen Weihnachtsfeier mit Tannenbaum, Gesangsvorträgen und Mitwirkung des siamesischen Zauberers Hesonusode. Die Neujahrsfeier 1886 wird auf Antrag eines Mitgliedes, wie im Protokoll ausdrücklich vermerkt wird, ohne Frauenzimmer durchgeführt.

Der erste Präsident des Vereins, Herr Robert Deyhle, legt sein Amt im Januar 1886, offenbar nicht ganz freiwillig, nieder und wird durch Herrn Oskar Gruber ersetzt. Die Statutenfrage ist auch jetzt noch nicht endgültig geregelt, und es wird beschlossen, eigene, vom Schweizerischen Philatelisten-Verein unabhängige Statuten aufzustellen. Die Herren Gruber, Reich und Gerhardt entwerfen im Auftrage des Vereins die neuen Statuten. Am 14. März 1886 wird beschlossen, aus dem Schweizerischen Philatelisten-Verein Zürich auszutreten und die neuen, eigenen Vereinsstatuten auf 1. April in Kraft zu setzen. Ein neues Tauschreglement wird aufgestellt und die Herren Reich und Gerhardt zu unseren ersten Tauschobmännern gewählt. Fast zur selben Zeit wie der Berner Verein tritt auch der Philatelisten-Verein Basel aus dem Schweizeri­schen Philatelisten-Verein Zürich aus.

Spreu und Weizen

Grobe Unstimmigkeiten mit dem zurückgetretenen Präsidenten, Herrn Robert Deyhle, überschatten die Vereinstätigkeit 1886. Der grosse Ideenreichtum und die vielseitige Tätigkeit dieses Mitgliedes, insbesondere sein nicht durchwegs einwandfreies Gebaren als Briefmarkenhändler, führen zu ernsthaften Auseinandersetzungen. Unter eingehender Begründung - ihr Wortlaut ist aus den noch vorhandenen Unterlagen nicht ersichtlich - wird Herr Deyhle aus dem Verein verabschiedet. Er wurde nie mehr Mitglied unseres Vereins und ist am 15. September 1939 im Alter von 80 Jahren gestorben. Sein Ableben wurde in der Schweizerischen Briefmarkenzeitung nicht erwähnt.

Kleine Geschäfte

Die Sitzungen des Vereins werden ab Februar 1886 in das Cafe Rubin an der Kesslergasse verlegt und bald nochmals in die Wirtschaft Zimmerleuten. Da aber der intensive gesellschaftliche Kontakt des Gründungsjahres offenbar verloren gegangen ist, muss sich der Verein schon im darauffolgenden Jahr nach einem anderen Sitzungslokal umsehen. Der Wirt kündigt das Vereinslokal wegen zu geringer Konsumation.

Für heutige Philatelisten kaum verständlich sind einige Geschäfte, mit denen sich der Verein 1886/87 auseinanderzusetzen hat: Den Tauschobmännern, die vermutlich recht ausgiebig von ihrem «Erstgeburtsrecht» Gebrauch machten, wird verboten, mehr als drei Marken zum voraus aus den Tauschbogen zu entnehmen. Damit kein Mitglied an Tauschabenden durch seinen Sitzplatz zu kurz kommen kann, werden die Sitzplätze unter den Anwesenden ausgelost. Ein Mitglied regt an, alle Alben der Vereinsmitglieder seien auf Falsifikate visitieren zu lassen. Vom Verein angekaufte Marken werden in verschiedenen Verkaufsgeschäften der Stadt zum Verkaufe angeboten. Die Mitglieder können sich an dieser Verkaufsaktion des Vereins mit Anteilscheinen von 10 Franken beteiligen. Der offensichtlich rentierende Handel erlaubt es dem Verein, die Anteilscheine jahrelang mit 5% zu verzinsen. Verkauft werden 1888 Briefmarken im Werte von 1412 Franken, was wohl den äusseren Anlass gibt, den Erwerb von Anteilscheinen für unsere Mitglieder als obligatorisch zu erklären.

Mit einem Mitgliederbestand von 26 Personen startet der Verein in das Jahr 1889. Auf Anregung des Philatelistenvereins Luzern wird eine erste Delegiertenversammlung aller Philatelistenvereine der Schweiz geplant, und Bern soll mit deren Durchführung beauftragt werden. Die Initiative der Luzerner stösst aber auf wenig Interesse, und die Anregung verläuft im Sande.

 Fest 13 600

Immer wieder Fälschungen

1890 verfasst der Philatelisten-Verein St. Gallen eine Petition, die von unserem Verein mitunterzeichnet wird und regt an, im kommenden Eidgenössischen Strafgesetzbuch die Briefmarkenfälschung allgemein - nicht nur die Fälschung gültiger Postwertzeichen - unter Strafe zu stellen. Die Petition wird dem Berner Professor für Strafrecht Karl Stoos (1849- 1934) eingereicht, der vom Bundesrat mit den Vorarbeiten für ein einheitliches schweizerisches Strafrecht beauftragt ist. Niemand ahnt, dass zur Verwirklichung der Petition noch ein sehr langer Weg bevorsteht. Das Schweizerische Strafgesetzbuch, das den Wünschen der Philatelisten in den Artikeln 153 und 245, Ziffer 2, Rechnung trägt, tritt am 1. Januar 1942 in Kraft.

Der Präsident unseres Vereins, Oskar Gruber, unternimmt einen neuen Versuch, eine Delegiertenversammlung der Philatelistenvereine nach Bern einzuberufen. Seine Initiative fällt diesmal auf fruchtbareren Boden, und am 26. Oktober 1890 treffen sich die Delegierten von Bern, Basel, Luzern, St. Gallen und Lausanne im Hotel Bären in Bern. Zürich und Neuenburg senden keine Vertretung an die Versammlung. Die Delegierten beschliessen die Gründung eines «Verbandes der Schweizerischen Philatelistenvereine». Herrn Oskar Gruber gebührt somit die Ehre, durch seine Initiative diese Gründung ermöglicht zu haben. Im weiteren diskutiert die Versammlung das dauernd aktuelle Thema «Welche Schutzmassnahmen sind zu ergreifen, um gegen Fälscher wirksam vorzugehen?» Ausserdem wird beschlossen, eine Tauschvereinigung ins Leben zu rufen.

Eine markante Episode

Zum 50-jährigen Jubiläum der ersten Briefmarkenausgabe in der Schweiz findet vom 25. Juni - 2. Juli 1893 in Zürich eine internationale Ausstellung von Briefmarken statt. Für diese Ausstellung steht ein Kredit von 2600 Franken zur Verfügung! Drei Mitglieder unseres Vereins erhalten Auszeichnungen:

- Herr Reich ein «erstes Diplom für complete Sammlung»
- Herr Gruber je ein «zweites Diplom für Ganzsachen und Briefmarken»
- Herr Strässle ein «zweites Diplom für Briefmarken».

Zu dieser Ausstellung wurde die bekannte Postkarte mit der dreispännigen Gotthard-Postkutsche in einer Auflage von 36000 Stück herausgegeben, gültig bis Ende 1893. Es wird uns berichtet, dass diese Karte schon am ersten Ausstellungstag von Spekulanten aufgekauft wurde. Beim Eingang zur Ausstellung spielen sich in der Folge turbulente Szenen ab. Von weit hergereiste Sammler gehen leer aus und können wegen des Andranges nicht einmal die Ausstellung besuchen. Bemühendes Ergebnis: Schon kurze Zeit später erscheinen die ersten gefälschten Karten auf dem Markt. Aus der gleichzeitig mit der Ausstellung durchgeführten Auktion verdienen einige Preise festgehalten zu werden. Es werden zugeschlagen: Basler Taube lose Fr. 96. -, Bas­ler Taube auf Brief Fr. 200. -, Waadt 4 auf Brief Fr. 351. -, Waadt 5 Fr. 25. -, Doppelgenf Fr. 155. - und Zürich 6 durchschnittlich zu Fr. 25. -. Die Ausstellung erwirtschaftet einen überraschenden Reingewinn von 3675 Franken.

Weiteres Vereinsgeschehen

Im Jahre 1894 wird beschlossen, unseren Verein im Handelsregister eintragen zu lassen und zudem die Statuten und das Tauschreglement den neuen Verhältnissen anzupassen. Der Verein zählt nun 58 Mitglieder. Herr Reich stellt seine Sammlung in Wien aus und wird mit einer goldenen Medaille geehrt.

Nach neunjähriger erfolgreicher Tätigkeit als Vereinspräsident tritt Herr Gruber 1895 zurück. An seine Stelle wird Herr Strässle zum neuen Präsidenten gewählt. Wie ein roter Faden zieht sich durch alle Berichte jener Jahre der Kampf gegen die Fälschungen hindurch. Diesmal ist es ein Louis Mercier aus Genf, der mit seinen Fälschungen von sich reden macht. Eine Delegiertenversammlung in Olten beschliesst, durch eine erneute Petition, diesmal an den Bundespräsidenten persönlich gerichtet, auf die Missstände aufmerksam zu machen und um geeignete Massnahmen zu bitten, um die Herstellung und Nachahmung ausser Kurs gesetzter schweizerischer Postwertzeichen und den daraus resultierenden Betrug zu unterbinden. Die von allen schweizerischen Philatelisten-Vereinen unterzeichnete Petition wird von zwei Mitgliedern unseres Vereins Bundespräsident Lachenal überbracht, erläutert und mit Beweismaterial untermauert. Ein Erfolg bleibt aus.

In das Jahr 1896 fällt die Briefmarkenausstellung in Genf, wo die Sammlung des Herrn Moritz Strässle, des neuen Vereinspräsidenten, mit dem ersten Preis ausgezeichnet wird. Die Mitglieder des Vereins kaufen gemeinsam für 1120 Franken einen Posten dunkelblaue Rayons auf Brief. Über dieses nicht alltägliche Ereignis wird berichtet, bei diesem Handelhabe man nichtsgewonnen und auch nichts verloren.

Seit 1899 können auch Händler in unseren Verein aufgenommen werden. Der bisherige Postwertzeichensammler-Verein Bern löst sich auf, und sechs seiner Mitglieder treten dem Philatelisten-Verein bei. Im September 1899 empfängt Bern wiederum die Delegierten der schweizerischen Philatelisten-Vereine. Über dieses Treffen wird uns lediglich berichtet, man habe zur Bestreitung der Kosten pro Mitglied 50 Rappen erhoben und für einen Gratis-Frühschoppen 20 Franken gespendet.

Ins 20. Jahrhundert

Mit Beginn des neuen Jahrhunderts wird Bern für zwei Jahre der Zentralsitz des Verbandes Schweizerischer Philatelisten-Vereine übertragen. Der Vereinspräsident wird zugleich Zentralpräsident, andere Mitglieder übernehmen die Ämter eines Zentralkassiers und eines Zentralsekretärs.

1901 unterstützt unser Verein die Pariser Weltausstellung durch einen finanziellen Beitrag und wird dafür mit einer Medaille geehrt. Zum ersten Mal geht eine Rundsendung verloren, was Anlass gibt, unsere Rundsendungen fortan zu versichern. Auf Vorschlag unseres Vereins wählt der Bundesrat Herrn Montandon zum Mitglied der «Kommission zur Prüfung und Begutachtung der Entwürde für neue Marken».

Die Vereinsmitgliedschaft interessiert immer weitere Sammler, und der Verein zählt 1902 schon 83 Mitglieder. Das Vereinsvermögen beträgt 905 Franken.

Wiederum werden die Statuten und das Tauschreglement überarbeitet und in neuer Fassung angenommen. Herr Gruber offeriert dem Verein 20 sehr schöne Baslertäubchen auf Brief zu 140 Franken das Stück. Ob von diesem Angebot Gebrauch gemacht wurde, wird uns leider nicht überliefert. Erneut muss sich der Verein mit falschen Briefmarken befassen. Die Firma Fournier + Co. in Genf vertreibt in Bern falsche Briefmarken und wird vom Philatelisten­Verein energisch getadelt. Die Firma antwortet: sie habe die Marken von einem durchziehenden Italiener erworben, zieht aber die Fälschungen sofort aus dem Verkauf zurück.

1903 wird das neue Postgebäude am Bollwerk eröffnet. Herr Ernst Zumstein, Begründer des späteren philatelistischen Verlages, wird als Mitglied in den Verein aufgenommen. Im folgenden Jahr schenkt Herr Mirabaud in Paris unserem Verein sein Werk über Schweizerbriefmarken, das noch heute das Prunkobjekt unserer Bibliothek bildet.

Im April 1906 legt Herr Strässle nach 11-jähriger Präsidentschaft sein Amt nieder und wird durch Herrn Küpfer ersetzt. Mit einem silbernen Becher ehrt der Verein die grossen Verdienste des abtretenden Präsidenten. Die Vereinssitzungen werden nun in das Cafe Hofstetter verlegt. Der 1903 gegründete Briefmarken-Tauschklub Bern veranstaltet eine Ausstellung, die von unserem Verein mit einem Beitrag finanziell unterstützt wird. Erfolglos wird der Versuch unternommen, die zuständigen Behörden dazu zu bewegen, eine in Diskussion stehende neue Markenserie in zweifarbigem Kupferdruck und mit Landschaftsbildern herzustellen.

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Das grosse Ereignis des Jahres 1907 ist die Berner Delegiertenversammlung des Verbandes Schweizerischer Philatelisten-Vereine. Grossem Interesse begegnet dabei ein Besuch bei der Eidgenössischen Münzstätte.

Erneut werden im folgenden Jahr die Statuten und das Tauschreglement revidiert. Die Bibliothek wird durch Ankauf einer bestehenden philatelistischen Bücherei erweitert. Herr Ernst Zumstein gewährt den Vereinsmitgliedern eine Freude besonderer Art: Er legt im Verein die bekannte Sammlung Schweizer­marken des Herrn Mirabaud vor. Der erste Spezialkatalog Schweiz erscheint.

Herr Ellenberger übernimmt 1909 das Vereinspräsidium und löst Herrn Küpfer nach dreijähriger Amtszeit ab. Die Delegiertenversammlung des Verbandes, die in diesem Jahr in Le Locle stattfindet, überträgt unserem Verein die Herausgabe und Redaktion der Schweizerischen Briefmarkenzeitung. 

 

Zum Abschluss die grosse Ausstellung

Zum 25-jährigen Vereinsjubiläum (9. April 1910) übernimmt der Philatelisten­Verein Bern das Ehrenpatronat einer grossen internationalen Briefmarken­Ausstellung, die im September 1910 in den Räumen des Casino Bern stattfindet und der ein ganz ungeahnter Erfolg beschieden ist. Nie zuvor - wird uns berichtet - sah man in Bern eine solche Masse von schönen und seltenen Marken vereinigt. Auch die ausländische Fachpresse ist des Lobes voll über die flotte und durchdachte Organisation und Durchführung der Ausstellung. In den verschiedenen Ausstellungskomitees arbeiten eine ganze Reihe unserer Vereinsmitglieder mit. Auch als Aussteller können unsere Mitglieder mit einer silbervergoldeten, acht silbernen, acht bronzenen Medaillen und drei Diplomen auf eine recht stolze Bilanz zurückblicken. Während der Ausstellung veranstaltet der Verein im Casino eine Aussprache mit auswärtigen Sammlern und Fachleuten, wobei wiederum das Fälscherunwesen und die dagegen zu ergreifenden Massnahmen das Hauptthema bilden. Die Ausstellung und die nach Bern verlegte Herausgabe des Schweizerischen Verbandsorgans wecken das Interesse der Sammler erheblich und führen zu zwanzig Neueintritten in unseren Verein.

Mit dem Jubiläum von 1910 ist die Zeit der ersten zaghaften Versuche, der Rückschläge, der internen Spannungen und des Sichbehauptens in der schweizerischen Philatelie abgeschlossen. Der Verein tritt innerlich gefestigt, gut organisiert und geführt, finanziell unabhängig, an künftige Aufgaben heran.