100 Jahre Philatelisten-Verein Bern 1885 - 1985 (Festschrift, Original: Seiten 33-50)

100 Jahre Philatelisten-Verein Bern 1885 - 1985 (Festschrift, Original: Seiten 33-50)


Die Gründung des Weltpostvereins

Paul E. Heiniger, Bern

Das grosse Durcheinander

Schon im Altertum war die Post vielerorts gut organisiert, funktionierte aber nur innerhalb des eigenen Landes und auch hier nur für den Staatshaushalt. Die wenigen bekannten privaten Mitteilungen wurden ausserhalb der staatlichen Postrelais überbracht.

 Weltpostverein

Das Haus des Ausseren Standes, in welchem der Weltpostverein gegründet wurde, nach seiner Renovation im Jahre 1982. Die Sitzungen fanden im grossen Saal im 1. Stock statt.
Auch heute wieder im Dienst der PTT Im Erdgeschoss befindet sich die Wertzeichenverkaufsstelle Bern der PTT.
(Reproduktion bewilligt, Weltpostverein)

Im Mittelalter begann in Europa der stetige Aufschwung des Handels, später such der Industrie. Das führte zu vermehrten, teilweise auch neuen Aufgaben der Post, die aber nach dem Zerfall des römischen Reiches fast vollständig darniederlag. So war denn auch auf diesem Gebiet ein neuer Aufbau zu schaffen. Die französischen Könige anerkannten vorerst die Universitätsboten als offizielle Überbringer von Mitteilungen und statteten sie mit besonderen Privilegien aus. - In Deutschland und Flandern übernahmen umherziehende Metzger mehr und mehr Botendienste, so dass daraus die über lange Zeit recht gut organisierten sogenannten Metzgerposten entstanden. In diese Zeit fallen auch einzelne emporstrebende Städte, sowie Klöster und Ritterorden, die einen eigenen Postdienst einrichteten. Dieses allgemeine Durcheinander hatte erstaunlicherweise Bestand neben den Posten, die durch Kaiser und Könige zum eigenen Gebrauch unterhalten wurden.

Alle derartigen Einrichtungen genügten aber auf die Dauer nicht mehr. Die Erfindung der Buchdruckerkunst und die Entdeckung vieler fremder Länder öffneten dem internationalen Handel und Verkehr ein extrem breites Tätigkeitsfeld. Die Post - worunter wir hier in erster Linie dem Briefverkehr den Vorzug geben - musste sich zwangsweise immer wieder den veränderten Verhältnissen anpassen.

Anfangs des 16. Jahrhunderts treffen wir auf die ersten hauptamtlichen Standesläufer der damaligen dreizehn alten Orte. Franz von Taxis, der Begründer des wohl bedeutendsten privaten Postunternehmens der nachmaligen Thurnund Taxis'schen Post, errichtete einen ersten Reitpostkurs durch Württemberg.

In der Schweiz entstanden etwas später mehrere Postunternehmen, die von Privaten geführt und meist von den kantonalen Regierungen unterstützt wurden: Basel, Socin; Zürich, Hess; Schaffhausen, Peyer und Klingenfuss; allen voran aber Bern mit dem bedeutendsten schweizerischen Postbetrieb von internationaler Bedeutung, der Fischer'schen Post, die heute als eigentlicher Vorläufer der eidgenössischen Post gilt.

Die folgende Abbildung zeigt uns einen Brief vom 3. Juli 1849 von Bern nach Polen, der mehrere Hoheitsgebiete durchlief und uns einen anschaulichen Begriff des Wirrwarrs vermittelt, der in Bezug auf die verschiedenen Geldsorten und Taxen bestand; alles mehr oder weniger säuberlich auf Vorder- und Rückseite des Briefes vermerkt, so dass Ankunftsort und Empfänger kaum mehr zu identifizieren sind.

In unserem Lande war erstmals zur Zeit der Helvetik (1798- 1803) das Postwesen nach französischem Vorbild einheitlich geregelt. Eine pikante Ausnahme bildete die Fischer'sche Post, die trotz Gegenbefehlen der französischen Besetzer ihre Tätigkeit weiterhin ausübte, sich aber dem einheitlichen Taxsystem anpassen musste. - Nach Auflösung des Einheitsstaates wurde das Postregal wieder von den einzelnen Kantonen übernommen, und schon änderten auch die Brieftaxen; sie schwankten zwischen 5 und 60 Rappen und waren oft für den Rückweg anders als für den Hinweg.

 Brief weltpost

Mit dem Übergang vom losen Staatenbund zum Bundesstaat (1848) wurde das Postwesen für den ganzen Umfang der Eidgenossenschaft zur Bundessache erklärt. Vorerst erfolgte die Brieftaxierung nach 8 Gewichtsstufen in Loth (1 Loth = 15,6 g) und 5 Wegstrecken, das heisst

a) Lokalpost für grössere Ortschaften

b) 1. Briefkreis bis 10 Wegstunden

c) 2. Briefkreis 10 - 25 Wegstunden

d) 3. Briefkreis 25 - 40 Wegstunden

e) 4. Briefkreis von über 40 Wegstunden, wobei 1 Wegstunde 4800 m entsprach.

Das Mindestporto für das Inland betrug 2'/z Rappen, die höchste Stufe wurde mit Fr. 1.20 berechnet. Ab 1862 wurde auf Gewicht umgestellt, und es galten nur noch zwei Briefkreise. - Für das Ausland wurden feste Taxen erst nach der Gründung des Weltpostvereins eingeführt.

Diese Zustände waren beileibe nicht alteinstehend; im Ausland stand es um nichts besser. So zum Beispiel in England, wo 1812 das Porto für einen Brief - wie damals üblich als einzelnes zusammengefaltetes Blatt - elf verschiedene Entfernungen vorsah und ebensoviele Taxstufen angewendet wurden. Enthielt ein Umschlag mehrere Blätter, so musste das Porto pro einzelnes Blatt entrichtet werden. Zur Sicherstellung des richtigen Ansatzes glaubt man sich in die Zeiten eines Sherlock Holmes zurückversetzt: die Beamten mussten mittels Befühlen oder Halten gegen das Licht die Anzahl der Blätter zu ermitteln versuchen. Erst 1840 wurde das wegleitende Penny-Portosystem auf Antrag des später geadelten Sir Rowland Hill (1795 -1879) als Leiter des britischen Generalpostamtes von 1843 - 1864 und Schöpfer der Postreform eingeführt (1837 erster Vorschlag zur Verwendung von Briefmarken).

Mit der drastischen Massnahme - durchschnittliche Senkung von 7% Pence auf 1 Penny - erwartete man eine wesentliche Umsatzsteigerung. Die erhofften Einnahmen wurden aber weit überschätzt, denn erst nach rund 30 Jahren trafen die für sofort vorgesehenen Finanzüberschüsse ein (1839: 76 Millionen Briefe, 1855 456 Millionen Briefe; 1839 1,6 Millionen Pfund, 1840 nur noch 466000 Pfund, und 1845 dann 776000 Pfund). Könnte also der Gedanke eines Einheitsportos bereits die Wiege des Weltpostvereins gewesen sein? Denn das Vorgehen Englands war in der Folge beispielgebend für andere Staaten. Erst diese Reform brachte eine erste Möglichkeit zum Abschluss internationaler Postverträge.

Erstaunlicherweise hatte aber schon 1811 ein deutscher Staatsrat und Schriftsteller namens Klüber festgestellt: «Die Wechselwirkung zwischen der Post und jedem Kulturverhältnis aller zivilisierten Nationen ist so vielfach und unzertrennlich, dass man sie als Weltpostanstalt betrachten muss.» Wie sollte so etwas bloss in seinem Heimatland möglich sein, das damals nicht weniger als dreissig selbständige Postinstitute aufwies? - Nach vielen Bemühungen kam man erst 1846 einer Reform der Tarife näher. Ein allgemeiner deutscher Postkongress fand im März 1847 statt; noch zeichnete sich aber kein positives Ergebnis ab. Erst der Abschluss des deutsch-österreichischen Postvereinsvertrages vom 6. April 1850 brachte erwünschte Vereinfachungen. Wichtigste Bestimmung war, dass alle zum Verein gehörenden Staaten in bezug auf Brief- und Fahrpost ein einheitliches , ungeteiltes Postgebiet bildeten. Dieser Verein bestand vorerst aus Preussen und Oesterreich; später schlossen sich auch die übrigen deutschen Staaten, sowie die Thurn- und Taxis'sche Posten an. War das nicht ein weiterer, bedeutender Schritt zur Bildung eines internationalen Verbandes?

Vor allen anderen europäischen Staaten folgte Oesterreich dem englischen Beispiel. 1842 galten dort nur noch zwei Tarifansätze. Dasselbe galt ab 1844 in Russland, 1848 folgte Frankreich und 1854 Spanien. Nach der erfolgten Vereinigung der italienischen Staaten wurde das Postregal vom neuen Staat übernommen.

Die Pariser Postkonferenz von 1863

Innerhalb der europäischen Staaten herrschten trotz einiger Versuche zur Vereinfachung immer noch recht verwirrende Zustände. Das begann schon beim Gewicht: Loth, Zoll-Loth, Unze und Gramm wechselten in bunter Folge von Land zu Land. Dazu kamen die auch heute noch bestehenden Landeswährungen. Oft führten verschiedene Postwege von einer Ortschaft zur anderen, was sich naturgemäss im Porto niederschlug. So kostete zum Beispiel ein Brief aus Deutschland nach Rom durch die Schweiz ausschliesslich auf dem Landweg 68 Pfennig, durch die Schweiz über Genua und von dort mit französischen Paketbooten 90 Pfennig, durch Oesterreich auf dem Landweg 48 Pfennig und über Frankreich 85 Pfennig. Aber nur auf letzterem Weg war das volle Frankieren bis zum Bestimmungsort für den Absender möglich.

Ähnliche Verhältnisse gab es auch beim Übersee-Verkehr. Englische, französische, amerikanische oder hanseatische Paketboote besorgten den Austausch der Korrespondenzen. Je nach Wahl des Transportweges schwankten auch hier die Tarife beträchtlich. So kostete beispielsweise ein Brief von Preussen nach Südamerika zwischen 1 Mark bis 2,50 Mark, von den Vereinigten Staaten von Nordamerika bis nach Australien sogar zwischen 5 Cents und 1 Dollar bei insgesamt 6 verschiedenen Transportmöglichkeiten und von der Schweiz nach Übersee bis zu 4 und 5 Franken. Dazu verfügte Russland über nicht weniger als 9 Speditionswege mit 8 verschiedenen Brieftaxen allein nach Japan. - Derart hohe und ungleiche Kosten waren nicht geeignet, eine harmonische Entwicklung des Verkehrs, nicht nur innerhalb Europas, sondern auch in der Wechselbeziehung zu den aufstrebenden Vereinigten Staaten von Nordamerika zu fördern.

Im September 1862 wandte sich die Bundesregierung in Washington an die europäischen Länder unter Beifügung eines Memorandums des GeneralPostmeisters Mo,ntgomery Blair (1813 - 1883; abgebildet auf der Marke Nr. 555 im Zumstein-Katalog Schweiz).

Blair

Dieser deckte die vielen Schwierigkeiten auf, die nach seiner Meinung nur durch ein internationales Vorgehen beseitigt wer den könnten. Blair liess es nicht bei Kritik bewenden; er stellte eine ganze Reihe von Vorschlägen auf, verständlicherweise ~+ . und vornehmlich in Bezug auf den Verkehr über den Atlantik und beantragte eine Konferenz hierüber in Europa.

Nachfolgend die wichtigsten Punkte:

1. Auswechseln von gewöhnlichen und eingeschriebenen Briefen, Drucksachen, sowie einheitliche Regelung der Taxen ohne Unterschied der Entfernung und der Taxbeteiligung der Ursprungs- und Bestimmungsländer.

2. Die Verhältnisse des Transits über europäische Länder hinweg und des Seetransits.

3. Vermeidung jeglicher Abrechnungen dadurch, dass jede Postverwaltung das Porto, welches sie erhebt, behalten soll.

4. Allfällige Einführung von Geldanweisungen und anderweitig im Briefpostverkehr liegende Einrichtungen.

Die europäischen Postverwaltungen erwarteten kaum ein positives Ergebnis einer solchen Zusammenkunft; die Mehrzahl war jedoch wenigstens zu einer Teilnahme bereit. - Die erste Kontaktnahme fand vom 11. Mai bis 8. Juni 1863 in Paris statt. Vertreten waren 15 Länder verschiedenster Grösse und Bedeutung. Die Schweiz war durch den bevollmächtigten Minister Kern und durch den Direktor des IV. Postkreises, Paul Jeanrenaud, vertreten.

In seinem Eröffnungsreferat hob der Präsident dieser Konferenz, der französische General-Postdirektor Vandal hervor, dass man nicht gekommen sei, um durch bindende Verträge Erleichterung im Postverkehr zu schaffen, sondern um allgemeine Probleme zu besprechen. Sollte damit der Elan von Blair bereits gebrochen sein? Vandal stand mit seiner Meinung aber ziemlich einsam da; er musste ja die Interessen seines Landes vertreten, das aus postalischer Sicht grosse Einnahmen durch den Transitverkehr erzielte und diese zu verlieren drohte. Und eben diesen Transittaxen wollte man an den Kragen (siehe Paragraph 2 des Blair'schen Vorschlages).

Wohl ergaben sich abschliessend 31 erarbeitete Grundsätze, aber vertragliche Bindungen wurden zum Bedauern einiger Nationen nicht getroffen.

Karte Weltpostverein

Die Ausdehnung des Weltpostvereins im Zeitpunkt der Gründung

Die Verschiedenheit der auf der Konferenz hervorgetretenen Interessen - entsprechend der Zahl der vertretenen Länder - liess grosse Zweifel offen, ob das erwünschte Gesamtziel wohl jemals erreicht würde. Trotzdem, der Meinungsaustausch und das gesammelte Material blieben doch nicht ohne einen gewissen Einfluss, denn man hatte schliesslich mit grossem Sachwissen zum mindesten eine Diagnose über die Krankheiten im internationalen Postverkehr gestellt.

Der Berner Postkongress und der Allgemeine Postvereinsvertrag vom 9. Oktober 1874

Während einiger Jahre, die der Konferenz von Paris folgten, setzten denn auch etliche Staaten die gewonnene Erkenntnis in verbesserte Verträge von Land zu Land um. So wurde gleich nach Ende des deutsch-französischen Krieges von 1871 /72 seitens der deutschen Postverwaltung ein neues Abkommen zwischen diesen Ländern vorgeschlagen. Bei den Verhandlungen soll es öfters zu hitzigen Debatten gekommen sein, wobei die Deutschen mit dem Abbruch drohten, sofern die Franzosen weiterhin stur auf ihren Forderungen bezüglich zu hoher Transittaxen beharren würden. Es kam aber schliesslich doch zu einem befriedigenden Abschluss; dagegen blieben gleichlautende Anstrengungen der Vereinigten Staaten um einen verbesserten Vertrag mit Frankreich auf der Strecke. Einmal mehr soll der grosse Einnahmen-Ausfall im französischen Finanzhaushalt Schuld daran gewesen sein.

Die Schweiz schloss mit dem deutsch-österreichischen Postverein am 17. November 1862 einen neuen Vertrag ab, der die vielen Briefpostsätze auf vier reduzierte; Drucksachen bis 1 Loth wurden von 10 auf 7 Rappen herabgesetzt. Ein weiterer Postvertrag vom 11. April 1868 mit dem Norddeutschen Bund erbrachte unter anderem eine günstige Einheitstaxe für den einfachen Gewichtssatz von 25 Rappen für Briefe und 5 Rappen für Drucksachen und Warenmuster. Interessanterweise finden wir dann diese Zahlen wieder im endgültigen Postvertrag des Allgemeinen Postvereins. Noch im gleichen Jahr erfolgte eine ähnliche Regelung mit Oesterreich/Ungarn. Der Vertrag mit Italien vom 8. August 1861, mit Wirkung ab 1. Juli 1862, enthielt eine Einheitsbrieftaxe; Ausnahme bildete der Grenzverkehr nach allen umliegenden Staaten mit niedrigeren Taxen.

 StephanWidmen wir unsere Aufmerksamkeit für einmal nicht nur den Briefen. In die Zeit kurz vor der Gründung des Weltpostvereins fiel auch eine recht wenig beachtete Neuerung. Kein Geringerer als der ursprüngliche Geheime Ober-Postrat, nachmaliger General-Postmeister und Staatssekretär Dr. Heinrich von Stephan (1831 - 1897; eine der bedeutendsten Persönlichkeiten in der nationalen und internationalen Postgeschichte. Er lebte nur für die Post, wurde auf Briefmarken verschiedener Länder geehrt und starb am 8. April 1897 bezeichnenderweise im Reichspostamt Berlin).

Bisher unveröffentlichtes Schreiben von Stephan an Anton Stäger (1850 - 1942), damals noch Postsekretär; 1897 in Washington und 1906 in Rom als Chefdelegierter an den Postkongressen. Genoss auch im Ausland grosses Ansehen; mehrmals als Schiedsrichter berufen. Ab 1881 Schöpfer der schweiz. Feldpost. 1909 - 1918 Oberpostdirektor, 1907 Gründer des schweiz. Postmuseums.

Das Original dieses Briefes wurde uns freundlicherweise vom bekannten UPU-Sammler, Herrn Armin Gasser in Bem, zur Verfügung gestellt.

Brief aBrief b

 Der Kaiserlich Deutsche General-Postmeister an den Postsekretär Herrn Joh. Anton Stager Wohlgeboren in Bern.

Berlin, W, 5. Mai 1879

Eur. Wohlgeboren haben die Güte gehabt, mir Ihre Schritt,: «Das Schweizerische Postwesen zur Zeit der Helvetik)2 zu übersenden. Ich habe von dem Inhalte derselben mit Interesse Kenntnis genommen und sage Ihnen für die mir durch die Zusendung erwiesene Aufmerksamkeit meinen Dank.

Um auch weitere Kreise auf das Werk aufmerksam zu machen, habe ich veranlasst, dass dasselbe im «Archiv für Post und Telegraphie» einer Besprechung unterzogen werde; von der betreffenden Nummer der gedachten Zeitschrift wird Ihnen seiner Zeit ein Exemplar übersandt werden. Hochachtungsvoll und ergebenst,

D. Stephan

Stephan unterbreitete in seiner «Denkschrift, betreffend den Allgemeinen Postverein» vom November 1868, zuhanden der in Karlsruhe vereinigten deutschen Delegierten unter anderem den Vorschlag zur Einführung einer Korrespondenz-Karte, ganz besonders im Hinblick auf eine verbilligte Transportmöglichkeit. Vorderseitig sollte die Adresse des Empfängers und rückseitig Plarz für Mitteilungen sein. Dieses Projekt fand vorerst keine Gnade; die Mehrheit der Anwesenden befürchtete eine zu starke Einbusse der Einnahmen. Die österreichische Postverwaltung führte dagegen von sich aus auf den 1. Oktober 1869 solche Karten ein, die zu 2 Kreuzer abgegeben wurden. Der Siegeszug der Postkarte hatte begonnen; die meisten Staaten der Welt folgten diesem Beispiel und fuhrten dieses beliebte Verständigungsmittel ein. ln unserem Land beschloss die Bundesversammlung vom 24. Juni 1B7O folgendes

"Die Postverwaltung wird ermächtrgt, ab 1. Oktober 1870 für den innern Verkehr Korrespondenzkarten zu 5 Rp das Stück herauszugeben. Dre Karten können gegen elne weitere, mlttels Marken vorauszubezahlende Gebühr von 5 Rp. rekommandiert werden. Der Bundesrat ist ermächtigt, die Korrespondenzkarten unter Festsetzung erner analogen Taxe blso 5 Rp ) auch im Verkehr mit anderen Staaten einzuführen.

Das Format dieser Karten beträgt /22 auf 85 mm, die Vorderseite enthält den Taxstempel von 5 Rp., sowie den Vordruck für die Adresse, und die frere Rückseite dient für dle Korrespondenz. Über den Korrespondenzkartenverkehr mlt dem Ausland behält sich der Bundesrat weitere Schlussnahmen vor. Für den Postverkehr mit den deutschen Staaten und Oesterretch Ungarn kann bis auf welteres das nämliche Korrespondenzformular verwendet werden, unter der vorgeschriebenen Taxergänzung. Nach den anderen ausländischen Staaten rst dle Verwendung von Korrespondenzkarten nur zu der fürdie Briefe vorgeschriebenen vollen Taxe, unter Frankierung, gestattet. Die Korrespondenzkarten sind lm Verkehr zwischen Staaten der verbrndlichen Frankatur unterworfen. Nicht genügend franklerte Korrespondenzkarten werden nicht befördert."

Der Vorschlag Stephans brldete naturgemäss nur einen recht unbedeutenden Teil seiner unentwegten Anstrengungen zugunsten von Vereinfachungen im gesamten Postwesen. Seine genannle Denkschrll entstand nach sorgfältigem Studium der Ergebnisse der ersten Pariser Konferenz - an der er nicht teilgenommen hatte - der internen und externen Verträge seines Heimatlandes und der internationalen Postbeziehungen. Wichtigster Punkt seines Vortrages waren sicherlich seine Bemühungen, dle Postverwaltungen aus aller Welt zu einer Versammlung einzuberufen mit dem Ziel, einen allgemeinen Postverein zu gründen.

Den damaligen Verträgen kann entnommen werden, dass die Bestrebungen für eine gewisse Vereinheitlichung auf internationaler Ebene deutlich erkennbar slnd. Besonders in Deutschland glichen sie sich immer mehr, und es stellte sich die Frage, ob sich nicht doch eln genormter Postvertrag aufstellen liesse, der die wesentlichsten postalischen Vereinbarungen zwischen mehreren Staaten, ja sogar zwischen Kontinenten, regeln könnte. Es ist verwunderlich, dass gerade in diesem Land derartige Fortschritte zu verzeichnen waren, wo doch nur dreissig Jahre zuvor ein solches Kunterbunt vorherrschte. - Diese Erkenntnisse führten Stephan schliesslich zu seiner Denkschrift, deren Ziele in der deutschen Verordnung vom 21 . Januar 1869 gutgeheissen wurden. Darin wurde deutlich betont, dass die Zeit für theoretische Erörterungen endgültig vorbei sei. Einem kommenden Kongress sollten positive Aufgaben gestelll werden, worunter

a) einheitliche Sätze für Briefe, Drucksachen und Warenproben

b) einheitliche Gewichtssätze

c) Abschaffung der Transitgebühren, wobei bisher gültige Abmachungen bestehen bleiben, sofern sie nicht im Widerspruch zu den beschlossenen PunkLen stehen.

Kurz und gut, der erarbeitete ausfuhrliche Vertragsentwurf Stephans bildete in der Folge eine ausgezeichnete und allgemein anerkannte Verhandlungsbasis für einen Postkongress.

Zu Beginn des Jahres 1869 schien die allgemeine Lage derart günstig zu sein, dass die kaiserliche deutsche Regierung mit den diplomatischen Einleitungen zur Einberufung eines Kongresses begann. Mit Note vom 18. Januar 1869 wurde der Geschäftsträger des Norddeutschen Bundes in Paris beauftragt, die lVeinung der französischen Regierung einzuholen. Wenige Wochen später wird berichtet, Kaiser Napoleon fände die ldee sehr glücklich; er stehe der Sache durchaus positiv gegenüber. lndessen könne Frankreich die finanziellen Folgen eines solchen Postvertrages kaum verkraften. Die Verhandlungen zoqen sich dahin, bis der deutsch-französische Krleg von 1Bl0-1871 einen Unterbruch erzwang. Aber schon am 14. Februar 1872 erf olgte der def initive Abschluss des lange vorbereiteten Vertrages.

Nach weiteren Konferenzen mit Holland und Belgien wandte sich Stephan direkt an den Fürsten Blsmarck mit dem nun intensiv geforderten Antrag auf Abhaltung einer internationalen Postkonferenz. Der Reichskanzler unterstützte dieses Anliegen und schlug seinerseits vor, dass diese Konferenz an neutraler und zentraler Stelle vorzusehen sei. Er dachte dabei an die Schweiz und im besonderen an die Bundeshauptstadt Bern. - Der schweizerische Bundesrat wurde durch dre Reichsregierung zunächst bef ragt, ob auf den 1 . September 1873 die Einberufung zu einem Postkongress in Bern möglich sein könnte. Nach bereitwillig erteilter Zustimmung gaben die deutschen Botschafter 14 Ländern (ohne die Schweiz) hievon Kenntnis und fügten den inzwischen in drei Sprachen übersetzten Vertragsentwurf - nahezu identisch mit der Denkschrift Stephans - bei. Daraufhin wurde der schweizerische Bundesrat gebeten, die entsprechenden Einladungen fÜr den genannten Termin zu versenden. Das geschah am 9. Juli 1873; folgende 15 Nationen wurden eingeladen: Belgien, Dänemark, Deutschland, Frankreich, Grossbritannien, Griechenland, Italien, die Niederlande, Oesterreich, Portugal, Russland, Spanien, Schweden, dle Turkei und die Vereinigten Staaten von Nordamerika. Zwölf Regle rungen antworteten zustimmend, die Türken hüllten sich in Schweigen, die Russen wünschten eine Vertagung, da sie eben erst mit verschiedenen Staaten postalische Vereinbarungen getroffen hatten, und die Franzosen klagten einmal mehr, aus finanziellen Gründen auf eine Beteiligung verzichten zu müssen.

Die Ablehnung Frankreichs allein hätte an sich keinen Anlass gegeben, eine Anderung des Programms vorzunehmen. Es wurde angenommen, dass sich die Franzosen unter dem Zwang der Dinge ohnehin, wenn auch später, anschliessen würden. Dagegen wollte man das dem Umfang nach grösste Postgebiet, Russland, aus naheliegenden Gründen unbedingt in die Verhandlungen einbeziehen. Man sah also eine Verschiebung vor, was sich in der Folge sogar als Vorteil erweisen sollte. Die interessierten Staaten hatten damit erheblich mehr Zeit zur Bearbeitung der Unterlagen, was wiederum dem Kongress ein gezieltes und rascheres Weiterkommen ermöglichen sollte.

lm Januar 1874 erklärIe Russland seine Teilnahmebereitschaft mit dem Vorschlag, die Tagung auf den 15. September 1874 einzuberufen. Noch im gleichen lVonat wurden die bereits erwähnten Nationen, sowie Aegypten, Norwegen, Rumänien und Serbien durch die schweizerische Regierung eingeladen, dem Kongress beizuwohnen. Diesmal erfolgten keine Absagen.

S44An dlesem Kongress waren endgültig vertreten: Belgien, Dänemark, Deutschland, Aegypten, Frankreich, Griechenland, Grossbritannien, ltalien, Luxemburg, die Niederlande, Norwegen, Oesterreich, Portugal, Rumänien, Russland, Schweden, die Schweiz, Serbien, Spanien, die Turkei, Ungarn und die Vereinigten Staaten von Nordamerika, wobei einzelne Staaten mehrere Teilnehmer delegierten. Das Präsidium des Kongresses wurde dem Chef des schweizerischen Postdepartementes, Bundesrat Eugöne Borel, überlragen. Seine Eröffnungsrede fand grosse Beachtung; sie ist uns erhalten geblieben.

Weitere Terlnehmer waren Bundesrat Wilhelm Näff , sowie ein gewisser Steinhäuslin aus Bern, Generalsekretär der Postverwaltung, dessen Vater schon im Fischer'schen Postbetrieb tätig war.

Das schwerzerische Postdepartement hatte allen Delegierten den eigenen Entwurf für die Geschäftsordnung vorgängig zugestellt; er wurde diskussionslos angenommen. Für die Vorbereitung der Beratungen wurde eine besondere Kommission ins Leben gerufen, welche sich aus Vertretern Belgiens, Deutschlands, Aegyptens, ltaliens, der Niederlande, Oesterreichs, Portugals, Schwedens, der Schweiz und Ungarns zusammenselzle. Erster Vorsitzender dieses Gremiums wurde der Vertreter Deutschlands und massgeblicher lnitiant General Postdirektor Hernnch von Stephan.

Anlässlich der ersten Sitzung musste festgestellt werden. ob den Delegierten die nötigen Vollmachten zum Abschluss und zur Vertragsunterzeichnung erteilt worden waren. Ein beträchtliches Hindernis blldete die Tätsache, dass nur 73 Staaten lhren Teilnehmern entsprechende Handlungsfrerheit gewährt hatten. 5 Länder, worunter Frankreich und Grossbritannlen, ermächtigten ihre Abgesandten nur, sie auf dem Kongress zu vertreten. Dre Deleglerten ltaliens, Serbiens und der Türkei waren weder mit einer Vollmacht, noch mit einem Beglaubigungsschrerben vertreten. Die die Verernigten Staaten vertretenden Blackfan und Rambusch waren zudem noch nrcht erngetroffen, und die beiden Begleiter des Franzosen Besnier, Ansault und Le Libon konnten dem Kongress wegen eines Eisenbahnunglücks überhaupt nicht beiwohnen. Der Kongress wünschte auf Antrag des Vorsitzenden, dass die ohne Vollmacht erschienenen, verantwortllchen Terlnehmer bei ihren Regierungen unverzügllch die nötlgen Schritte ernleiten, damit sie an den weiteren Sitzungen als voll handlungsfähig teilnehmen können, was in der Folge auch geschah.

Der Berner Vertrag zerfällt anhand seines lnhalts grundsätzlich in zwei Abschnitte:

- im ersten sind die Grundsätze festgehalten, nach welchen der Austausch von Briefen, Postkarten, Drucksachen, Warenproben und Geschäftspapieren unter den Vertragspartnern erfolgen sollte,

- der zweite Abschnitt regelt die Verfassung des Vereins und seine innereOrganisation.

Als leitender Gedanke sei die Vertragsbestimmung vorangestellt, dass dre Unterzeichnerstaaten ein einzlges Postgebiet bilden; für die Behandlung der Korrespondenz verschwinden demnach die politischen Grenzen. Die unmittelbare Folge dieses Satzes waren bereits etliche allgemein erleichternde Bestimmungen, darunter eine für die Förderung des Verkehrs immer wieder angestrebte Frelheit für den Durchgangsverkehr. Artikel 10 des Berner Vertrages bestimmt dazu. nlm gesamten Gebiet lst die Transltf rerhelt gewährleistettt. Die Wichtigkeit dieses Satzes wird erst klar. wenn man sich an die früheren, engherzigen Umstände erinnert. Der Vertrag verpflichtete die einzelnen Staaten, geschlossene Briefpakete und Einzelsendungen auf dem gÜnstigsten und schnellsten Weg zu befördern. Man lasse sich aber vom Wortlaut dieses Artikels nicht verwirren. Freiheit des Transits und Unentgeltlichkeit sind zwei verschiedene Dinge. Ein freier Durchgangsverkehr ist wichtig für den Verkehr, eine unentgeltliche Transitbeförderung betrifft die finanziellen Verhältnisse und ist demnach eine Geldfrage zwischen den einzelnen Ländern.

An den Verhandlungen über diesen Artikel sprach sich die lVehrheit der Stimmen für eine Unentgeltlichkeit aus. lndessen beharrte man nicht auf dem Mehrheitsprinzip; eine Haltung, die zeigt, wie behutsam man vorging. Die Lage Belgiens, das wichtigste Transitlinien aufwies, war ein treffendes Beispiel dafür, wie man möglichst allen Hindernissen Rechnung trug. Aus einer Statistik geht hervor, dass 1873 täglich 2500 kg Postsachen im Transitverkehr abgefertigt wurden. Von Belgien aus wurden aber bloss 125 kg pro Tag versandt; d.h. dass dieses Landzwanzig Mal mehr Transitpost beförderte, als es fremde Nationen fur seine Bedürfnisse ln Anspruch nahm. Es wurde daher Belgien eine Entschädigung von 2 Franken pro Kilo Briefe und von 25 Rappen pro Kilo Geschäftspapiere, Drucksachen usw. f ür den Durchgangsverkehr zugestanden. Gewiss war die Schweiz als Transitland ln einer ähnlichen Situation. Grosszügig wurde jedoch in Bern auf eine ähnliche Lösung verzichtet.

Die einheitliche Taxierung von Briefen war ein weiteres Traktandum, das schon bei den einleitenden Verhandlungen zur Sprache kam. Nahezu alle Abgesandten stimmten dem Vorschlag im Prinzip zu. Man ging davon aus, dass frankierte Briefe bis zu 15g 25 Rappen, unfrankierte das Doppelte und Drucksachen pro 50 g (Höchstgewicht 1 kg) 5 Rappen kosten sollten. Eine genaueAnpassung an die schweizerische Währung war wegen der Kursschwankungen nicht möglich und wurde nicht beschlossen. Vielmehr hatten die fremden Postverwaltungen einen Spielraum zwischen 20 und 32 Rappen. Dies entsprach den Artikeln 3 und 4 des Vertrages. Eingeschriebene Briefe waren nach allen Himmelsrichtungen zulässig. Sie mussten ebenfalls frankiert und mitdem Chargé-Stempel gekennzeichnet werden; die Taxe hiefür entsprach dem normalen Briefporto. Die Verwendung der PD- und PP-Stempel wurde eingestellt; alle nicht oder nicht vollständig frankierten Sendungen mussten mit dem T-Stempel versehen werden.

Durch den Berner Vertrag trat für Postkarten eine erhebliche Ermässigung ein. Sie standen unter Frankaturzwang - im Gegensalzzu unfrankiert möglichen Briefen - und waren meist schon mit eingedrucktem Wertstempel versehen" Diese Massnahmen ermöglichten die Portoherabsetzung auf die Hälfte eines frankierten Briefes - mit Abrundung der Bruchteile - so dass dafür noch ganze 10 Rappen für das gesamte Vertragsgebiet ausgelegt werden mussten.

Zu dieser Zeit kannte man noch und teilweise bis zum 30. Juni 1971 den sogenannten Grenzverkehr. Ab 1B5O bestanden fur die angrenzenden Länder eine ganze Reihe von verschiedenen Bedingungen über Distanzen (meist Luftlinien), Gewichte, Gebühren usw. Mit dem Allgemernen Postverernsvertrag von Bern konnren bereits wesentliche Vereinfachungen vorgenommen werden.

Eines der besprochenen Probleme war die Portoteilung; vorhergehend eine Ouelle fortwährender Kontroversen unter den Postverwaltungen. Nun aber elegant gelöst, indem nach einem einfachen Grundsatz jede Verwaltung diejenigen Gebühren ungekürzt behält, die sie auch vom Postkunden bezieht. Damit erübrigten sich mühsame Kontrollen von Land zu Land, die nebenbei auch sehr kostspielig gewesen wären. - Dies war keineswegs eine Erfindung des Kongresses. Schon 'l 695 bestand ein ähnlich lautender Vertragsteil zwischen dem bernischen Postgrunder Beat Fischer und der kurbrandenburgischen Postverwaltung für Sendungen zwischen Brandenburg, der Schweiz, dem Piemont und Südfrankreich via Frankfurt a/M.

Hinsichtlich der Portofreiheit fehlte vorerst die sonst gerühmte Grosszügigkeit. Nur gerade der amtliche Schriftwechsel aus dem Postdienst genoss dieses Privileg.

Dies ist im wesentlichen der lnhalt über die Bestimmungen, die sich auf die Behandlung der Sendungen beziehen. Die Wichtigkeit fÜr den Postbenützer und die Postbetriebe selber treten dabei deutlich zu Tage. Allein die Bedeutung, nur in diesen Details zu suchen, hiesse den Berner Vertrag deutlich zu unterschätzen. Schon nur die Gründung des Allgemeinen Postvereins, so sein ursprünglicher Name, als dauernde völkerrechtliche und kulturelle Vereinigung war von mindestens gleicher Wichtigkeit. Die Verbindung von Staaten aus 4 Kontinenten - Australien war damals noch nicht dabei - zu einen weltumspannenden Gemeinwesen verhiess weitere erspriessliche und friedliche Zusammenarbeit.

Der zweite Abschnrtt des Vertrages enthält organisatorische Bestimmungen. Artikel 1B verdient dabei besondere Erwähnung.Zur Erörterung gemeinsamer Angelegenheiten und der Einfuhrung von Verbesserungen war die Einberufung elnes kompetenten Kongresses alle drei Jahre vorgesehen. Aus verschiedensten Gründen konnte jedoch diese Zeitspanne nicht immer eingehalten werden. Jedes Land hatte Anrecht auf eine Stimme, ungeachtet der Grösse oder Bedeutung. Es konnte sich durch mehrere Delegierte - auch solche eines anderen Staates - vertreten lassen.

Artikel 14 sah die innere Unabhängigkeit der Vertragsstaaten vor und erlaubte  zudem Einzelverträge unter sich, ohne Anrufung des Vereins. Sofern sich der Allgemeine Postvereinsvertrag über gewisse Regelungen nicht äusserte - für uns ist in diesem Falle die Gestaltung des Grenzverkehrs von Bedeutung - konnten solche zwischenstaatlich getroffen werden.

Ergänzend zu den internen Bestimmungen wurden in Artikel 11 und 17 Vorschriften geschaffen, welche die Beziehungen der Vereinsstaaten zu Ländern regelten, die noch ausserhalb der Organisation standen, und die die Bedingungen noch heute regeln, unter denen der Eintritt in den Verein möglich ist.  ln Artikel 13 wurde eine Reihe von technischen Ausführungsbestimmungen aufgenommen.

Nach Artikel 19 sollte der auf drei Jahre abgeschlossene Vertrag am 1. Juli 1875 Gültigkeit erlangen. Nach Ablauf dieser Frist galt er als auf unbestimmre Zeit verlängert. Jeder Vertragspartner hatte das Recht auf Austritt aus dem Verein mit einer Kündigungsfrist von einem Jahr.

Am 9. Oktober 1874 - also nach einer Rekordzeit von nur drei Wochen mit insgesamt 14 Sitzungen - unterzeichneten folgende Länder dank der überragenden und fachmännischen Fuhrung Stephans, und trotz etlicher Schwierigkeiten während der Verhandlungen, den Vertrag, der ein einheitliches Postgebiet schuf. 350 Millionen Menschen verband eine Organisation von rund 40 Millionen qm2.

Deutschland, Österreich, Ungarn, Belgien, Dänemark, Aegypten, Spanien, die Vereinigten Staaten von Nordamerika, Grossbntannien, Griechenland, ltalien, Luxemburg, Norwegen, die Niederlande, Portugal, Rumänien, Russland, Serbien, Schweden, die Schweiz und die Türkei (Bosnien-Herzegowina und Bulgarien eingeschlossen). Ausnahmen bildeten Frankreich, das die neuen Normen vorerst der Nationalversammlung unterbreiten musste und wo dem zufolge der Postvertrag erst am 1. Januar 1Bf6in Kraft trat, und Montenegro, das am Kongress nicht vertreten war, jedoch die Vertragsbestimmungen auf den 1. Juli 1875 anerkannte. Allgemein werden meist 22 Grunderstaaten genannt; in der Schrift des lnternationalen Büros des Weltpostvereins zum 50.  Jubiläum von 1924 werden jedoch ausdrücklich die aufgeführten 23 Nationen bezeichnet.

Dagegen konnte der Gedanke einer einheitlichen Briefmarke für den internationalen Verkehr bis zum heutigen Tage nie verwirklicht werden; die Widerstände der einzelnen Postverwaltungen waren grösser als die Anerkennung einer solch umwälzenden ldee. Die Hoffnung bleibt . . .

Es ist nun kaum vorstelibar, dass eine solch gewaltige lnstitution ohne zentrale Verwaltung hätte bestehen können. Artikei 5 des Vertrages enthält denn auch die Bestimmung, dass zur Sammlung, Zusammenstellung, Veröffentlichung und Verteilung dienstlicher Mitteilungen, Einholung von Gutachten bei umstrittenen Fragen, Führung der internationalen Buchhaltung, einer Jahresstatistik über verschiedene Zweige der Verwaltung und einer informativen Zeitschrift in deutscher, f ranzösischer und engllscher Sprache, Teilnahme anden vorbereitenden Arbeiten späterer Kongresse usw ein besonderes Büro ins Leben zu rufen sei. lnteressanterweise fand sich dieser Vorschlag nicht in der Denkschrift Stephans, obwohl bekannt war, dass die Schaffung einer solchen Zentralstelle im Bereich des lnternationalen Telegraphenvereins bereits geschaffen worden war. Der entsprechende Vorschlag des belgischen Delegierten stiess auf keinen Widerstand; als ständiges Organ wurde das internationale Büro des Allgemeinen Postvererns geschaffen" - Bei der Wahl des Sitzes eines solchen Verwaltungszweiges ging man von der Voraussetzung aus, ein kleines, fremden Einflüssen nicht unterworfenes Land zu bestimmen. Zur Diskussion standen Belgien und die Schweiz. Schlussendlich wurde diese Aufgabe der schweizerischen Postverwaltung übertragen. Naheliegend war der Entscheid unserer Behörde, Bern als ständigen Sitz zu bezeichnen, da hier der erste offizielle Kongress stattfand und sich eidgenössische Verwaltungen sowie diplomatische Vertretungen in unmittelbarer Nähe befanden. Erster Direktor  dieses Büros wurde der schweizerische Bundesrat E. Borel. - Es war und ist  keine Selbstverständlichkeit, vielmehr eine grosse Ehre für unsere Bundeshauptstadt, eine weltumspannende Vereinigung von derart grosser Bedeutung zu beherbergen. Die weitere Entwicklung bestätigt, dass sich Bern dieser Ehre würdig zeigte.

Die Berner Konferenz von 1876

Die Begründer des Allgemeinen Postvereins hatten wohlweislich ihr Werk nicht als endgültig und unumstösslich betrachtet; vielmehr sollte diese Einrichtung ständiq ausgedehnt und verbessert werden und sich dem Fortschritt in leder Beziehung anpassen.

Trotz der überzeugenden Resultate wurde es jedoch nach kurzer Zeit nötig, eine weitere Konferenz einzuberufen.

Bereits am 15. November 1875 wünschte vorerst Britisch-lndien, als selbständige Postverwaltung, aufgrund des Artikels 17 des Berner Vertrages Aufnahme in den Verein. Die schweizerische Postverwaltung lud danach das antrag stellende Land gemäss Artikel 4 zu einer Konferenz auf den 17. Januar 1876 nach Bern ern. Ebenfalls sollten diejenigen Staaten vertreten sein, die bereits postalische Vereinbarungen mit Britisch-lndien getroffen hatten. Es waren dies Deutschland, Oesterreich, Aegypten (welches sich durch Bundesrat Borel vertreten liess), Frankreich, Grossbritannien, Ungarn und ltalien. Die übrigen Gründerstaaten wurden schriftiich benachrichtigt, und es wurde ihnen freigestellt, sich ebenfalls an dieser Besprechung zu beteiligen. So schlossen sich noch Norwegen, die Niederlande und Schweden den Verhandlungen an. Haupttraktandum bildeten logischerweise die Kosten für den Überseetransport. Es wurde ein mässiger, einheitlicher Seeporto-Vergütungssatz angestrebt, um damit eine Aufnahme auch fernster Länder zu gleichen Bedingungen zu ermöglichen. Aus diesen Begebenheiten ist ersichtlich, dass also bisher Kolonien europäischer Länder noch nicht einbezogen waren.

Das Gesuch Britisch-lndiens zog unverzüglich weitere Aufnahmebegehren nach sich. Spaniein, Frankreich und die Niederlande wünschten, dass sich ihre Besitzungen in Ubersee gleichfalls anschliessen könnten; Grossbritannien liess verlauten, dass für Kanada und Neufundland Gesuche eingereicht würden, und schliesslich begehrte auch das Königreich Brasilien eine Aufnahme.

Denkmal

Weltpost-Denkmal in Bern, errichtet zum 25 jährigen Bestehen des Weltpostvererns. Sinnbild der die ganze Erde umfassenden Weltpostorganisation mit den fünf Erdteilen. Einweihung am 4 Okrober 1909.

Für eine gerechte Lösung des Problems reichten Deutschland und Frankreich Vorschläge ein, die vor allem den Engländern nicht zusagten. Sie erschwerten den Beitritt der französischen Kolonien erheblich. Die Franzosen konterten erfolgreich und brachten es zustande, dass dafür Kanada nicht aufgenommen wurde. Der gute Geist von Bern schien damals erheblich ins Wanken geraten zu sein. Halten wir noch fest, dass die Beförderung der Seepost fast durchwegs von privaten Gesellschaften besorgt wurde. Sie wiesen allesamt fur solche Transporte auf grosse finanzielle Schwierigkeiten hin und wurden deswegen von den Postverwaltungen mit erheblichen Subventionen bedacht. Die Einführung einheitlicher, niederer Taxen traf Frankreich und Grossbritannien besonders hart, so dass deren Verhaiten doch einigermassen verständlich wirkt.

Aus dieser zweiten und wichtigen Berner Konferenz resultierten erhebliche Entscheide:

a) die Aufnahme Britisch lndiens und der französischen Kolonien, was einer Zunahme von damals 245 Millionen Einwohnern entspricht

b) die Transitkosten wurden pro kg auf 25 Franken f ür Briefe und 1 Franken für Drucksachen usw. festgelegt

c) Grundlagenerarbeitung für den Beitritt weiterer überseeischer Länder.

Am 27. Januar 1876 war die trotz erheblicher Schwierigkeiten erfolgreiche Konferenz mit der Unterzeichnung der neuen Vereinbarungen beendet. Unter anderen bedeutenden Persönlichkeiten war auch Stephan, geistiger Vater des Weltpostvereins, hier nicht vertreten.

Bald nach Schluss der Konferenz erfolgten weitere Aufnahmeverhandlungen, besonders die vorläufig nlcht berucksichtigten Länder angehend, und auch im Juli 1877 wurde eine grössere Anzahl Staaten in den Allgemeinen Postverein einbezogen.

Am Pariser Kongress von 1B7B erfolgte zufolge der vielen neuen Teilnehmerstaaten die Umbenennung des Vereins in Weltpostverern, eine mehr als berechtigte Anderung, die bereits im ursprünglichen Entwurf vorgesehen war. Dieser Kongress wurde vom französischen Finanzminister Léon Say eröffnet und präsidiert. Stephan war offizieller Delegierter Deutschlands urrd für unser Land nahmen der schweizerische Gesandte in Paris, Dr. Kern, sowie Edmund Höhn, Generalsekretär der Postverwaltung, teil. Das lnternationale Büro wurde durch dessen schweizerischen Direktor, E. Borel, geführt. Auch an diesem Kongress wurden weitere wichtige Beschlüsse gefasst. Zu dem Anlass wurde erstmals eine Medaille geprägt, die einerseits den Cereskopf und rückseitig den eingeprägten Namen des Delegierten zeigt.

Gebude

Neues Weltpost-Gebäude von Bern, 1970 eingeweiht.

Der Berner Vertrag steht in der langen Geschichte der Posteinzig da und hat eine Bedeutung erlangt, die bei seinem Abschluss nicht unbedingt erwartet werden konnte. - ln den folgenden Jahrzehnten entwickelte sich der Weltpostverein zu einer erdumspannenden Union, wie dies trefflich durch das Weltpostdenkmal in Bern dargestellt wird. Der Verein gilt als eine der ältesten internationalen Organisationen und dient den friedlichen Beziehungen zwischen den Völkern.

Heute umfasst der Weltpostverein 167 Staaten. Südafrika wurde beim Kongress in Hamburg 1984 ausgeschlossen, Taiwan ist nicht Mitglied, ebenso Andorra, das aber sowohl von Frankreich wie auch von Spanien vertreten wird.

Wenn diese bescheidene Beschreibung Sie dazu anregt, Näheres über den Weltpostverein zu erfahren, stehen die Chancen heute viel günstiger als noch vor einem Jahr. Der Kongress in Hamburg 1984 hat nämlich beschlossen, inskünftig alles Schrifttum über diese weltweite Organisation zu sammeln, was bis anhin nicht der Fall war. ln Kürze bietet der Weltpostverein in Bern also wohl jegliche Möglichkeit, sich in allen Sprachen die gewünschte Literatur zu verschaffen. Viel Vergnügen.

Literaturverzeichnis

O. Veredarius Das Buch von der Weltpost. Ber in 1885 (erschienen zum 1O jähngen Jubiläum des Weltpostvereins und kürzlich als Nachdruck wieder in den Handel gebracht)

Dr. Hugo Weithase Geschichte des Weltpostvereins, Strassburg 1895

Calmus Geschichte der Weltpost

Le Bureau lnternational de l'UPU sa fondation et son döveloppement. Einsiedeln,1924 (zum 50.Jubiläum, 1874 1924)

Akten des schweizerischen Postdepartementes, 1873 / 187 4

Diverse Ausgaben der Zeitschrift "Union Postale"