1985 Festschrift, Der Berner Standesläufer

100 Jahre Philatelisten-Verein Bern 1885 – 1985 (Festschrift, Original: Seite 8)


Der Berner Standesläufer

Unser Läufer-Signet – von den Grafikern Dieboldswyler leicht umgestaltet – entstammt der 1926 erschienenen 1. Holzschnittfolge über «Die alten schönen Bernerbrunnen» von Wilhelm GERMANN (geb. 1883), der an der Spitalgasse 28 als Kunsthandwerker tätig war und Steinzeichnungen, Holzschnitte, Aquarelle und Oelstudien schuf.

Unten in der ehrwürdigen Berner Altstadt, nahe der Untertorbrücke, steht der Läuferbrunnen mit seiner ovalen Schale und – auf einem quadratischen Pfeiler – die Kopie der historischen Figur des altbernischen Standesläufers. Das Standbild dürfte 1545 vom freiburgischen Bildhauer Hans Geiler gemeisselt worden sein. Auf dem faltenreichen Wams des «Postboten» sehen wir das Wappen des Standes Bern. Der stolz ausschreitende Mann mit dem Barett in den bernischen Farben und dem weissen Kreuz an der Hose trägt auf der Schulter den Spiess und am Rücken die Läuferbüchse mit den Botschaften. Kräftig umfasst die Linke den Griff eines Kurzschwerts. Der Läufer wird begleitet von einem zu ihm aufschauenden Bärlein mit derselben Ausrüstung.
– Das Standbild wurde mehrmals neu bemalt, doch liess es sich 1953 nicht mehr renovieren; das Original der Läuferfigur steht im Historischen Museum. Von den «Gnädigen Herren» im alten Staat Bern (und auch anderwärts) eingesetzte «louffende boten», amtliche Läufer also, besorgten ehedem für ihre Obrigkeit den Kurierdienst; Botschaften, Urkunden, Briefe und Erlasse fanden durch die Läufer innerhalb und ausserhalb des weitläufigen bernischen Herrschaftsbereichs ihre Ziele. Einer dieser Ratsboten, der kurz vor der Reformation als Standesläufer von «rät und burgern» seines Amtes waltete, war Emanuel Allemann, der Vater des genialen Totentanzmalers, Fastnachtsspieldich­ters und Ratsherrn Niklaus Manuel Deutsch. In «Meischter und Ritter» von Rudolf v. Tavel (Edition Francke im Cosmos-Verlag, Muri-Bern) begleiten wir Vater und Sohn auf ihrem Botengang nach Burgdorf.

… Der Chlöusi und sy Vatter, der Ratsbott, «sy dür e Haschpel (beim Bären­graben) uuf, wil’s e schöne, klare Tag gsi isch, wo me gärn e Blick über Land gäge d’Bärge ta het. Vo Zyt zu Zyt hei si … uf d’Stadt zrück gluegt, wo da hinder ne glägen isch. Uf der Aaren isch no e liechte Näbel gläge, uf de Junkeregass-Hüser hingäge scho di schönschti Oktobersunne.» … Der Löufer «het sy rotschwarzi Amtstracht agleit. Ds gfältlete wysse Hemli lat ihm sy dünne Hals frei» … «und ds ghickete schwarzrote Barett mit der glänzigen Agraffen und der rote Schnuer sitzt uf sym fyne, intelligänte Chopf, ekei Landschnächt wüssti’s übermüetiger z’trage» … «Er treit es währschafts Schwärt a der lingge Huft und vor der rächten e Dolch und uf der Achslen e churze liechte Spiess mit rot-schwarzem Zottel . . . Aber er treit das Wehr nid zum Wichtigtue. Es muess sy, wil er über e Rügge ghänkt no die rot-schwarzi Löuferbüchse treit mit der Bottschaft drinne, wo-n-er z’Burdlef dem Schult­heiss soll abgä» …

Guido Gerber